Legislator Rechtsprechung & Gesetzgebung
BGE 117 IA 322 KI-generiert

Litigant's Forfeiture of Recusal Claim Due to Late Assertion

Geschäftsnummer BGE 117 IA 322
Gericht / Behörde
Rechtsordnung Schweiz · Bundesgericht (BGer / BGE) (CH)
Ausgang Nichteintreten / Unzulässig (Inadmissible)

Legislator-Zusammenfassung

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Litigant's Forfeiture of Recusal Claim Due to Late Assertion Following a civil court's judgment against a litigant in a debt case, the same individual, acting as the President of the Cantonal Court, later rejected the litigant's complaint against the discontinuation of a criminal investigation for false testimony relating to the original civil matter; the litigant then raised a constitutional complaint alleging the judge's bias and violation of Art. 58(1) BV due to prior involvement in the case as President of the Civil Court. The Swiss Federal Supreme Court ruled the complaint inadmissible because the litigant, who was represented by an attorney, failed to object to the Cantonal Court President's participation upon filing the complaint, thereby forfeiting the right to challenge the judge's impartiality due to the late assertion of the rejection claim, a failure that constitutes misuse of rights under the principle of good faith, regardless of whether a mandatory ground for recusal existed.

Legislator-Regeste

Amtlich

Regeste Art. 58 Abs. 1 BV: Ablehnung eines Richters. Verwirkung des Anspruchs bei verspäteter Geltendmachung. Offengelassen, ob ein Richter auch dann im voraus abzulehnen ist, wenn ein Ausschlussgrund (judex incapax) vorliegt.

Schlagwörter

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Rechtsverwirkung Zivilurteil falsches Zeugnis Forderungseingabe verspätetes Ausstandsgesuch nachträglicher Rechtsvorschlag

Zitierte Gesetzesbestimmungen

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Zitierte Rechtsprechung

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BGE 114 Ia 280
Wer den Richter nicht unverzüglich ablehnt, wenn er vom Ablehnungsgrund Kenntnis erhält, sondern sich stillschweigend auf den Prozess einlässt, verwirkt den Anspruch auf spätere Anrufung der verletzten Verfassungsbestimmung (BGE 114 Ia 280 E.
BGE 114 V 62
BGE 112 Ia 340
BGE 116 Ia 138
BGE 114 Ia 279
58 BV umfasst deshalb auch einen Anspruch auf Bekanntgabe der personellen Zusammensetzung der entscheidenden Behörde (BGE 114 Ia 279 E.
BGE 114 V 61
Social Insurance Decision Impartiality and Disclosure of Panel Composition
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Zentrale Rechtsfragen, extrahiert von Legislator

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Art. 58 Abs. 1 BV

The appeal was dismissed because the party failed to invoke the potential violation of the right to a constitutionally composed court (Art. 58 Abs. 1 BV) at the earliest possible moment.

Art. 66 al. 1 LTF

Imposition of court costs due to the rejection of the appeal.

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Spätere Entscheide, die dieses Urteil zitieren (59)

9C_172/2019 (2019-07-22)
«…en Prozess einlässt, verwirkt den Anspruch auf spätere Anrufung der (allenfalls) verletzten Verfassungsbestimmung ( BGE 117 Ia 322 E. 1c S. 323, 114 V 61 E. 2b S. 62; 114 Ia 278 E. 3c und 3e S. 280; Urteile 5A_605/2013 vom 11. November 2013 E. 3.1…»
2C_578/2018 (2019-02-04)
«…allgemein zugänglichen Publikation wie etwa einem Staatskalender entnommen werden können ( BGE 128 V 82 E. 2b S. 85; 117 Ia 322 E. 1c S. 323; 114 Ia 278 E. 3c S. 280). 3.2. Gemäss § 76 Abs. 1 des Schulgesetzes vom 17. März 1981 des Kantons Aar…»
8C_642/2016 (2017-03-27)
«…llen Zusammensetzung des Gerichts nicht möglich, Ausstandsgründe zu erkennen und gegebenenfalls geltend zu machen ( BGE 117 Ia 322 E. 1c S. 323; vgl. zur Rechtzeitigkeit eines Ausstandsbegehrens in BGE 138 III 702 nicht publizierte E. 5.2 des Urte…»
2C_952/2014 (2015-07-09)
«…urch einen Anwalt vertreten, hat sie allerdings auf jeden Fall die ordentliche Besetzung eines Gerichts zu kennen ( BGE 117 Ia 322 E. 1c S. 323). 2.6.2. Die ordentliche Besetzung der Anwaltskommission ist gemäss unbestrittener Feststellung aus dem…»
1C_392/2014 (2014-09-03)
«…lic et d'exercer, le cas échéant, en connaissance de cause un droit de récusation dans son mémoire de recours (cf. ATF 117 Ia 322 consid. 1c p. 323). Cela étant, il ne saurait être fait droit à sa requête. 3. Le Tribunal fédéral examine d'office et…»
1C_394/2014 (2014-09-03)
«…lic et d'exercer, le cas échéant, en connaissance de cause un droit de récusation dans son mémoire de recours (cf. ATF 117 Ia 322 consid. 1c p. 323). Cela étant, il ne saurait être fait droit à sa requête. 3. Le Tribunal fédéral examine d'office et…»
5A_459/2014 (2014-07-29)
«…wenn die Namen der Mitwirkenden einer amtlichen Publikation wie etwa einem Staatskalender entnommen werden können ( BGE 117 Ia 322 E. 1c S. 323; Urteil 5A_605/2013 vom 11. November 2013 E. 3.1). 2.4. Der Beschwerdeführer verlangt unter Hinweis auf…»
5D_75/2014 (2014-07-29)
Subsidiary constitutional appeal against interim interim-decision on court costs in recusal proceedings; inadmissible due to failure to meet CHF 30,000 threshold and lack of fundamental legal question (Art. 93 al. 1 i.V.m. Art. 117 BGG).
«…wenn die Namen der Mitwirkenden einer amtlichen Publikation wie etwa einem Staatskalender entnommen werden können ( BGE 117 Ia 322 E. 1c S. 323; Urteil 5A_605/2013 vom 11. November 2013 E. 3.1). 2.4. Der Beschwerdeführer verlangt unter Hinweis auf…»
1C_543/2013 (2014-07-23)
«…über die Zusammensetzung der entscheidenden Behörde aus einer allgemein zugänglichen Quelle informieren (vgl. dazu BGE 117 Ia 322 E. 1c S. 323; Urteil 4A_217/2012 vom 9. Oktober 2012 E. 5.2, nicht publ. in: BGE 138 III 702 ; je mit Hinweisen). Sei…»
9C_1012/2012 (2013-06-04)
«…uweisen. Andererseits hat der Versicherte die Pflicht, einen Ausstandsgrund sofort zu rügen (vgl. BGE 138 III 702 und 117 Ia 322 in Bezug auf Gerichtsmitglieder), was hier nicht bereits im Einwandverfahren, sondern erst im erstinstanzlichen Beschwe…»
4A_707/2012 (2013-05-28)
«…r hätte festgestellt werden können ( BGE 138 I 1 E. 2.2 S. 4 ; 136 I 207 E. 3.4 S. 211 ; 134 I 20 E. 4.3.1 S. 21; 117 Ia 322 E. 1c S. 323). Der Beschwerdeführer räumt selber ein, er habe einige der Ausstandsgründe in der Berufung zu spät vorge…»
5A_316/2012 (2012-10-17)
«…uridiction cantonale, de sorte qu'ils ne sauraient s'en plaindre pour la première fois devant le Tribunal fédéral ( ATF 117 Ia 322 consid. 1c et les citations). 5. Les recourants se plaignent, en outre, d'arbitraire dans l'établissement des faits. 5…»
4A_217/2012 (2012-10-09)
«…llen Zusammensetzung des Gerichts nicht möglich, Ausstandsgründe zu erkennen und gegebenenfalls geltend zu machen ( BGE 117 Ia 322 E. 1c S. 323). Können die Namen der entscheidenden Richter einer allgemein zugänglichen Publikation entnommen werden u…»
2F_11/2011 (2011-08-09)
«…gen Abteilung verwies es X.\_\_\_\_\_\_\_\_ mit Schreiben vom 12. Juli 2011 auf den Staatskalender (vgl. dazu auch [BGE 117 Ia 322](https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_d…»
1C_440/2010 (2011-03-08)
«…etenen Beschwerdeführerinnen klar sein müssen, dass er möglicherweise über ihre Beschwerde entscheiden würde (vgl. BGE 117 Ia 322 E. 1c S. 323 mit Hinweisen; Urteil 2C_239/2010 vom 30. Juni 2010 E. 2.2). Indem sie davon absahen, den behaupteten Abl…»

Volltext

Urteilskopf

117 Ia 322

51. Auszug aus dem Urteil der I. öffentlichrechtlichen Abteilung vom 31. Oktober 1991 i.S. B. gegen S., Staatsanwaltschaft des Kantons Glarus und Kantonsgerichtspräsidium Glarus (staatsrechtliche Beschwerde)

Regeste

Art. 58 Abs. 1 BV: Ablehnung eines Richters.

Verwirkung des Anspruchs bei verspäteter Geltendmachung. Offengelassen, ob ein Richter auch dann im voraus abzulehnen ist, wenn ein Ausschlussgrund (judex incapax) vorliegt.

Sachverhalt ab Seite 322

BGE 117 Ia 322 S. 322

Am 11. Februar 1988 hiess das Zivilgericht Glarus eine Klage von S. gut und verurteilte B. zur Bezahlung eines grösseren Betrages. Präsident des Zivilgerichts war Hans Rhyner.

Am 15. Februar 1990 erstattete B. beim Verhöramt des Kantons Glarus Strafanzeige gegen S. wegen falscher Beweisaussage nach Art. 306 StGB. Das Verhöramt eröffnete eine Strafuntersuchung gegen S., welche es mit Verfügung vom 11. Februar 1991 wieder einstellte. Eine von B. dagegen erhobene Beschwerde wurde vom Präsidenten des Kantonsgerichts Glarus, Hans Rhyner, mit Verfügung vom 21. Juni 1991 abgewiesen.

B. führt staatsrechtliche Beschwerde gegen die Verfügung des Kantonsgerichtspräsidiums. Er rügt hauptsächlich eine Verletzung von Art. 58 Abs. 1 BV und macht geltend, Hans Rhyner hätte in den Ausstand treten müssen, da er sich schon als Präsident des Zivilgerichts mit der Sache befasst habe. Das Bundesgericht tritt auf die staatsrechtliche Beschwerde nicht ein.

BGE 117 Ia 322 S. 323

Erwägungen

Aus den Erwägungen:

1. c) Ein Richter ist so früh wie möglich abzulehnen. Es verstösst gegen Treu und Glauben, Einwände dieser Art erst im Rechtsmittelverfahren vorzubringen, wenn der Mangel schon vorher hätte festgestellt werden können. Wer den Richter nicht unverzüglich ablehnt, wenn er vom Ablehnungsgrund Kenntnis erhält, sondern sich stillschweigend auf den Prozess einlässt, verwirkt den Anspruch auf spätere Anrufung der verletzten Verfassungsbestimmung (BGE 114 Ia 280 E. e, BGE 114 V 62 E. 2b, BGE 112 Ia 340; vgl. auch BGE 116 Ia 138 E. 2d). Solange aber dem Betroffenen nicht mitgeteilt wird, welche Personen am Entscheid mitwirken, kann er nicht beurteilen, ob sein verfassungsmässiger Anspruch auf richtige Besetzung des Gerichts und eine unparteiische Beurteilung seiner Sache gewahrt worden ist. Vor allem ist es ihm ohne Kenntnis der personellen Zusammensetzung des Gerichts nicht möglich, Ausstandsgründe zu erkennen und gegebenenfalls geltend zu machen. Die Garantie des verfassungsmässigen Richters nach Art. 58 BV umfasst deshalb auch einen Anspruch auf Bekanntgabe der personellen Zusammensetzung der entscheidenden Behörde (BGE 114 Ia 279 E. 3b, BGE 114 V 61 E. 2).

Dieser Anspruch bedeutet jedoch nicht, dass die Namen der entscheidenden Richter dem rechtsuchenden Bürger ausdrücklich genannt werden müssen. Der Anspruch ist selbst dann gewahrt, wenn die Namen der entscheidenden Richter dem Betroffenen gar nicht persönlich mitgeteilt werden, sondern einer allgemein zugänglichen Publikation wie etwa einem Staatskalender entnommen werden können (BGE 114 Ia 280 E. c). Ist die Partei durch einen Anwalt vertreten, hat sie auf jeden Fall die ordentliche Besetzung eines Gerichts zu kennen (nicht veröffentlichtes Urteil des Bundesgerichts vom 30. April 1991 i.S. G., E. 2; EGLI/KURZ, La garantie du juge indépendant et impartial dans la jurisprudence récente, RJN 1991, S. 21).

Der durch einen im Kanton Glarus tätigen Anwalt vertretene Beschwerdeführer musste wissen, dass Hans Rhyner einer der beiden Kantonsgerichtspräsidenten ist und möglicherweise über seine Beschwerde entscheiden würde. Er hätte ihn daher schon mit der Einreichung der Beschwerde ablehnen können.

Es fragt sich allerdings, ob ein Richter auch dann schon im voraus abgelehnt werden muss, wenn ein sogenannter Ausschlussgrund vorliegt, der von Amtes wegen zu beachten ist (Fall des

BGE 117 Ia 322 S. 324

judex incapax). Das kann der Fall sein, wenn der Richter selbst Partei ist, oder auch unter gewissen Umständen bei der sogenannten Vorbefassung (vgl. NIKLAUS SCHMID, Strafprozessrecht, 1989, S. 40, Rz. 137; GÉRARD PIQUEREZ, Précis de procédure pénale suisse, 1987, S. 91, Rz. 380 ff.). Das glarnerische Strafprozessrecht unterscheidet aber nicht zwischen Ausschluss- und Ablehnungsgründen (Art. 3 der Strafprozessordnung des Kantons Glarus vom 2. Mai 1965). Ob die Personalunion zwischen dem Zivilrichter und dem über den gleichen Sachverhalt urteilenden Strafrichter überhaupt als Vorbefassung gelten muss, ist zumindest zweifelhaft. Der Beschwerdeführer durfte daher nicht damit rechnen, dass Hans Rhyner von sich aus in den Ausstand treten würde. Auch unter diesem Gesichtspunkt hätte er schon mit seiner Beschwerde an das Kantonsgerichtspräsidium den Ausstand von Hans Rhyner verlangen müssen. Weil er dies unterliess, kann heute auf sein Ablehnungsbegehren nicht mehr eingetreten werden.